Fotografien der Konica S II, David Wieck

Prato1

Konica S II: Postkarten aus dem Valtellina

Wandern im Valtellina stand an und fast vergessene Fragen beschäftigten mich: welche Kamera mitnehmen und welche Filme einpacken? S/W, Farbnegativ oder Dia? Eine Kamerawahl unter den vielen Heldinnen fiel mir schwer, doch dann ging ich ganz pragmatisch vor: als Brillenträger wollte ich ein grosses Sucherbild und ein Belichtungsmesser sollte such eingebaut sein. Die Konica S II hat beides und dazu eingepackt wurden S/W und Dia Filme. Schon vor Reisebeginn keimte die unvermeidliche Frage auf: werden die Bilder was? Der Messsucher der Konica ist einfach fantastisch: sehr hell, leicht einsehbar auch mit Brille, mit der Entfernung gekoppeltem Parallaxenausgleich und Anzeige des Belichtungsmessers. Dazu ein gutes Objektiv mit 6 Linsen in 5 Gruppen und einer grössten Blendenöffnung von 1:2 mit Brennweite 48mm. Edelstahlgehäuse und ein Copal- Zentralveschluss mit Zeiten 1 – 1/500sek komplettierten das schöne Stück.

Der Selen-Belichtungsmesser funktioniert gänzlich ohne Batterie und weckte unangenehme Erinnerungen an meine ersten Versuche in der Fotografie. In den 70er hatte ich eine Zeiss Ikon Contaflex mit Selen-Belichtungsmesser, der unbeirrt alles unterbelichtet hat. Helles Licht blendet die Selenzellen und dann kann man erstmal gar nichts mehr messen, bis sie sich erholt haben vom Lichtschock. Ich erinnere mich an eine Reise nach Israel, mit der Contaflex und einer Praktica. Die Praktica hatte gar keinen Belichtungsmesser und brachte mit geschätzten Blende-/Zeitwerten mehr richtig belichtete Bilder hervor als meine Contaflex mit Belichtungsmesser.
Diese Erfahrung wirkte nach und so habe ich bei fast allen Aufnahmen mit der Konica darauf geachtet, dass die Selenzellen nicht geblendet werden und sorgfältig auf mittlere Tonwerte und Schatten belichtet. Unterwegs im Valtellina begleitete mich meine Freundin und die Konica. Es wurde viel gewandert und ausschliesslich analog fotografiert – 14 Tage ohne digitale Kamera war schon ein Erlebnis. Diese Unsicherheit, ob das Bild was wird, beherrschte die Handhabung der Kamera. Mit der Zeit fühlte es sich jedoch gut an, kein Display zu haben, das immer beachtet werden will. Wenn man ganz ehrlich ist, gibt das Display ohnehin nur eine technische Antwort, ob das Bild was geworden ist. Ohne Display sind die Augen weiter auf das Motiv und das reale Leben gerichtet – ich kenne Fotografen, die decken sich das Display ab. Ich lasse mir an meiner Digitalen alles nur in S/W samt Histogramm anzeigen. Damit habe ich die technische Kontrolle falls erwünscht, aber verderbe mir nicht den Spass mit voreiligen Beurteilungen meiner Ergebnisse.

Analog arbeiten bedeutet: Bildausschnitt, Kontrastverteilung, Zeichnung in Schatten/Spitzlichtern, Wirkung des S/W-Bildes oder Eigenheiten des Dia-Filmes – alles muss man sich vorab im Kopf vorstellen und hoffen, dass es in etwa passt. Oder der Zufall einem zuspielt. Motive werden formal und vom Licht her ganz anders erkundet, bevor der Ausschnitt gewählt und ausgelöst wird. Das klingt wenig spontan, aber Motive werden genauer und nur einmal abgelichtet und später entfällt die lästige Auswahl aus unzähligen ähnlichen Bildern. Wie es sich im Nachhinein mit der Konica herausstellte: eigentlich hätte ich die Kamera ohne viel nachzudenken einsetzen können. Der Belichtungsmesser war genau genug, Verschlusszeiten waren ausreichend präzise (und das im hohen Alter von 55 Jahren) und der Auslöser liess sich butterweich und verwacklungsfrei auslösen. Na gut, manchmal, warum auch immer, wurde nur der Selbstauslöser gestartet, aber nach einigen Sekunden wurde trotzdem korrekt ausgelöst. Und OK, einige wenige Dias waren doch wieder etwas unterbelichtet.

Die Kamera ist solide gebaut und schwer – man könnte sicherlich Nägel damit in die Wand hauen. Augenscheinlich hatte sie auch schon ähnliches erlebt. An dieser Heldin hatten besonders die elektrischen Widerstände gelitten, denn die Anzeige der korrekten Belichtung funktionierte bei Anwahl der 1/250sec überhaupt nicht. Die Wahl von Zeit-/Blendenwerte ist aber geschickt gelöst und mit einem Griff erledigt, dazu muss man die Kamera nicht einmal vom Auge nehmen – so konnte ich immer 1/125 einstellen um meine Messung vorzunehmen und dann problemlos die gewünschte Zeit/Blenden-Kombi wählen.

Als S/W Film habe ich den Ilford FP4 verwendet. Den liebe ich über alles und hatte früher, nach endlosen Belichtungs- und Entwicklungsreihen mit dem Entwickler Ilford Microphen, die Schattenzeichnung und Spitzlichter bestens im Griff. Heute verwende ich den gut erhältlichen Universalentwickler Kodak HC110 in der Ansel Adams Verdünnung 1:63 (wobei 6ml HC110 pro Film unbedingt eingesetzt werden müssen). Dies verlangt eine Belichtung von ISO 64, bei 9min Entwicklungszeit. Ich hatte 10min entwickelt (meiner Angst vor Unterbelichtung geschuldet), daher wurden einige Negative zu kontrastreich, aber das liess sich nach dem einscannen unter Lightroom noch gut beherrschen. HC110 verursacht in dieser starken Verdünnung ein wunderbar feines, gleichmässiges Korn und ein scharfes Bild. Die favorisierte S-förmige Kontrastkurve im Negativ (viel Schattenzeichnung, kontrastreiche Mitten, flache Spitzlichter) bekommt man mit HC110 nicht, die muss man sich nach Bedarf mit Lightroom zaubern. Oder in der Dunkelkammer mühsam mit Anwedeln bei unterschiedlichen Gradationen….. aber das sprengt hier den Rahmen. Agfa stand zwar auf der Diafilmverpackung, der Film wird aber ausdrücklich nicht von Agfa hergestellt – wie der Packung zu entnehmen ist. 100 ASA Empfindlichkeit und mehr Informationen gab es nicht. Ich meine es ist eine moderne Emulsion, denn feinkörnig und, für einen Diafilm, mit erstaunlichen Belichtungsumfang. Der Film neigt blaustichig zu sein, doch mit warmen Diaprojektorlicht ist das bestimmt

OK.

Konica S II ist meine Heldin. Etwas schwer beim Wandern, aber mit super Ergebnissen. Unverständlich, dass sie nur in Japan verkauft wurde. Bestimmt hat sie eine interessante Geschichte, wie sie nach Europa und zu Foto-Ernst gekommen ist. Nach meiner Rückkehr aus dem Valtellina wurden schnell die Filme entwickelt und endlich fiel die Spannung ab: alle Bilder sind was geworden! Scharf und überwiegend gut belichtet. Ob Landschaft, Stadtlandschaft oder Porträt – fast immer sind technisch tadellose Bilder entstanden. Das Valtellina ist touristisch vollkommen unberührt. Keine Ramschläden, keine Sonnenbrillenständer vor den Geschäften und auch keine Postkarten. Abseits der Nationalstrasse SS38, schon leicht erhöht über den ehemaligen Auen der eingedeichten Adda, finden sich Dörfer wie aus einer anderen Zeit. Keine Reklametafeln verunstalten das Ortsbild und bislang fehlt es an Wohlstand, der, in Kombination mit schlechtem Geschmack, zu hässlicher Fassaden- und Vorgartengestaltung führt. Ich fühlte mich um 50 Jahre zurückversetzt, eine Zeit aus der die Konica SII stammt. Die exotische Kamera, in weichem Lederetui, um den Hals gehängt und auf dem Bauch baumelnd, gab mir das Gefühl wie ein Tourist in den frühen 60er Jahren in einer verträumten Welt unterwegs zu sein. Genau so wurden auch die Bilder – wie Valtellina Postkarten aus einer anderen Zeit.

David Wieck, August 2016.

 

 

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